JAKOB IN ATHEN

Unser Freund Jakob berichtet aus seiner neuen Heimat : Athen


Aufs Radfahren kann unsereins hier nur schwerlich verzichten und wenn auch die Grundlagen die selben sein mögen sind es doch die sehr vielen Kleinigkeiten, auf die man sich einstellen muss. Und so schwing ich mich unter folgenden Bedingungen jeden Tag auf mein Fixie nach dem ich mich einige Zeit sehnte, da es schonmal vorgefahren war.

Der Großraum Athen (auf der Halbinsel Attika) liegt in 3 "Zonen", die jeweils unterschiedliche Klimata aufweisen, die Küste, das leicht erhobene Mittelland und die Berge ringsum. Zwischendurch findet man noch "Hügel" (für Berliner sind das definitiv richtige Berge), bei denen man oft feststellen darf: "wer sein Rad liebt, der... trägt's (die Stufen rauf)", die wahllos auf der Karte verstreut sind (und sich hervorragend zum Panoramablickfreiluftbiertrinken eignen).
Die gesamte Stadt ist durchzogen von kleinen Nebenstraßen, die meist kaum breiter als ein PKW sind, Einbahnstraßen, deren System man auch nach langen studieren des Stadtplans nicht versteht. Die Hauptstraßen hingegen sind entweder ebenfalls Einbahnstraßen (mind. 3-4 Spuren, oft mehr), deren Parallelstraßenströmung entgegengesetzt verläuft oder normal mit 2 mal 3 oder mehr Spuren angesetzt. Einige der Hauptstraßen (eher wenige insgesamt) haben zum Stadtrand hin Autobahncharakter und trotz Geschwindigkeitsbegrenzung von rund 70 kmh leider auch Verbrennungsmotornutzer, die diese deutlich überschreiten. Also ist Anfangs und bei Nacht nach wie vor Überwindung gefragt sich auf diese zu trauen, von den wenigen kurzen Tunneln ist wohl komplett abzuraten.

Mit wem teilt man sich hier das Pflaster? Klassische PKWs (gern im verbeulten Zustand), selten LKWs, Busse, 2-3 Straßenbahnlinien, "Trolleys", d.h. Von mir ins Herz geschlossene Oberleitungsbusse, einigen stark improvisierten Dreirädern und den wohl gefährlichsten "Gegnern" Zweiräder, die sich genauso durch den kilometerlangen Stau schlängeln, wie unsereins. Immer wieder lustig anzusehen ist dabei wie die Roller dann doch nicht durch alle schmalen Lücken passen. Auf die wenigen Radfahrer geh' ich später nochmal ein.

Geblinkt wird nach Laune, also selten und vor allem wahllos.

Die Straßenverhaeltnisse sind einen stetigen Blick wert, Schlaglöcher/-mariannengräben sind überall und oft so groß, dass man sich auch bei noch so hohem Tempo noch die Mühe macht die Stelle zu überqueren, die wohl am wenigsten tief ist, um nicht gleich zwei spuren zu wechseln.
Es gibt sehr unebenen, rauhen Asphalt, der einem beim Skidden wohl die gesamte Karkasse wegbeißen würde und andererseits auch sehr feinkörnigen, der bei Trockenheit extremen Halt gibt, doch bei Nässe wunderbar geeignet ist Glatteis zu simulieren, vor allem in Verbindung mit tiefen Spurrillen. Die Bordsteinkanten sind meist doppelt so hoch wie in der deutschen Hauptstadt, gern mit Kante auch zu Reststraße. Gullideckel meist auf Schlaglochtiefe und könnten durch ihrer Schlitze auch als Fahrradständer dienen.
Fahrbahabtrennung (zum Beispiel der "Busspur") geschieht gerne durch kleine reflektierende Metallerhöhungen, die zur Fahrsicherheit nicht wirklich beitragen.

Ob der extreme Verkehr zu Stoßzeiten durch fleißig winkende "Ordnungshüter" besser geregelt werden kann ist fraglich, dennoch in Bezug auf den Verkehr scheint das ihre einzige Tätigkeit zu sein. Helmlose, sich durch den Verkehr schlängelnde Motorradfahrer, die gleichzeitig Telefonieren und – wie auch immer – dabei auch noch Kaffee schlürfen interessieren jedenfalls niemanden.

Radfahrer sind meist auf eher klapprigen Geräten anzutreffen und definitiv nie Anzugträger wie man sie in Berlin immer häufiger antrifft. Radfahren und dabei Spaß haben, das existiert hier wohl nur in Werbespots, die verdauungsfordernden Joghurt anpreisen. Einige wenige Rennradfahrer und noch weniger Fixiefahrer (davon wiederum geschätzte hälfte brakeless unterwegs) gibts dennoch. Bei dem bis jetzt wenigen schnelleren Ausfahrten kann man sagen, dass prozentual ein nicht zu verachtender Frauenanteil anzutreffen ist. Es wird deutlich schneller gefahren als bei uns und ja die Deutschen trinken mehr Bier. (FastFriday jeden Freitag). Es gibt ausserdem einen sehr großen FreeDay (Freitag haha), bei denen sich Leute, die nur dafuer ein Fahrrad besitzen sich zu tausenden von der Polizei begleitet stundenlang durch die Stadt quetschen, was CriticalMass-ähnlich klingt ist leider ein permanentes Trackstandüben, das ich enttäuscht abgebrochen habe.
Angeblich gibt es hier auch die CM, die jedoch nicht Freitags stattfindet und dringend ein Flyern/bewerben wie damals in Berlin bedarf. Davon eines Tages mehr...

Nun, warum man hier doch Rad fährt, da gibts zwei mögliche Antworten: 1. Nach einem kilometerlangen Klettern am Morgen dann eine neue Bestzeit aufgestellt zu haben und nach getaner Arbeit sich durch kilometerlangen Stau zu schlängeln, die "Leichenteile" der Blechsärge wie ganze Kotflügel gekonnt ignorierend, viele Gefahren knapp, aber rechtzeitig erkannt zu haben, sich freuend, dass die Hinterradfelge zwar keinen Negativgewichtsrekord aufstellt, aber ordentlich was wegsteckt, und am Ende das selbe Fastfoodrollerchen zu ueberholen, dass einen die ganze zeit begleitet hat, um sich dann mit dem Drahtesel in den 2 Personenfahrstuhl zu quetschen ist ein tolles Gefühl, so sag ich mir 2. Jeder Radfahrer auf der Straße, macht Radfahren sicherer und wir alle wissen, dass Radfahren irgendwas zwischen Lebenseinstellung, pures Glück, Liebe, Erlösung und anderen großen Worten ist oder vielleicht auch alles auf einmal!?

Immer genug Luft im Reifen auf egal welchen Straßen ihr fahrt wünscht
Jakob


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