CHICAGO, CMWC, VANCOUVER

Nachdem ich letzte Woche den Schock ueberstanden hatte und mein Fahrrad nach zwei Tagen endlich wieder aufgetaucht war ging der entspannte Teil unseres Chicagoaufenthalts los. Die Menschen sind wunderbar, die Stadt wunderschoen und der Verkehr von einer Ruhe, Ruecksichtsnahme und Freiheit fuer Radfahrer gepraegt, die ich noch nie erlebt habe! Ampeln gelten hier fuer Raeder nicht wirklich, massenhaft Radwege (alle auf der Fahrbahn), Autofahrer entschuldigen sich, gegenseitiger Respekt. Die Regelwut und die sinnlose Verfolgung der man in Berlin als Radfahrer ausgesetzt ist, tritt hier in anderen Bereichen des oeffentlichen Lebens auf. Auf der Gruenflaeche im Park auf der man sitzten und spielen darf, darf man keine Fahrraeder stellen. Draussen Alkohol zu trinken kann zu hohen Geldstrafen (500$) oder sogar einer Verhaftung fuehren. Als wir am See saßen und unsere Bierdosen in den beruehmten braunen Papiertueten versteckten kam ploetzlich durch den Park ein Bullenwagen angerauscht (keine Uebertreibung!), heraus stuermte Officer Wong:"You got ID?! You got ID?!" Aber kein Problem - wir sind Deutsche... nach kurzer Unwissenheitsbeteuerung und der Belehrung, dass das Gebaeude neben uns Homeland Security sei und demensprechend gerade 40 Kameras auf uns gerichtet sind wird das Thema schnell gewechselt: Ihr (weissen) Deutschen mit euren teuren Telefonen und Fahrraedern muesst besonders vorsichtig sein: Die Schwarzen kommen zu hundert und schlagen euch zusammen und klauen euch eure Sachen (Zitat!!!). Wenn wir nen Schwarzen seht sollten wir die Straßenseite wechseln oder einfach in die andere Richtung gehen. "I am no racist!" beteuert Officer Wong...

Wir sind nur ein bisschen schockiert beenden das Gespraech schnellstmoeglich und haben fuer den Rest des Aufenthalts jede Menge zu lachen. Unsere unglaubliche groszzuegigen und lieben Gastgeber (zum Schluss hausten wir zu 7 in ihrer Wohnung), Safia und Brian, ein Weiszer, bestaetigen den gewonnen Eindruck aus eigener Erfahrung: "Chicago is one of the most segrigated cities in the US." Wir lieben diese Stadt trotzdem!

Aus dem Rennen ist dann fuer mich nichts mehr geworden. Der seelische Stress meines zeitweise verlorenen Rads, die extreme Hitze und die groszartigen Parties lassen meine Motivation schwinden. Soweit ich es beurteilen kann, war es eine gelungene Weltmeisterschaft, die vorallem durch die gastgebende Stadt zu einem unvergesslichen Erlebnis geworden ist. 

Jetzt sind wir in Vancouver angekommen und der erste Eindruck knuepft an die positiven Erfahrungen an: Offene Menschen, freies Wlan im Flughafen, der Zug in die Stadt 1,50$, Fahrrad kostenlos! Fuck you "Berlin die Fahrradstadt".

Ich bin gespannt und sehr optimistisch. Auch was Basti und Charlotte (die sind von NYC nach Chicago mit dem Rad gefahren) vom Hinterland erzaehlt haben enspricht meiner Erfahrung des offenen, interessierten und vor allem hilfsbereiten Amerikaners. Schade nur, dass die so verdammt viel Angst vor so verdammt vielem haben. Und zum Glueck sind wir weisze Kids aus dem Deutschen Mittelstand. Es ist halt immer eine Frage der Umstaende und des Blickwinkels.

Noch eine Episode: Wir sind nachts um 2:30 im Spaetkauf (seven11) und wollen Bier kaufen. Der schwarze Kassierer kommt angeflogen als wir es aus dem Kuehlschrank nehmen wollen:"Kein Bier nach zwei! Das ist Gesetz...". Schade. Ein lateinamerikanisch aussehender, taetowierter junger Mann kommt hinein, will auch Bier kaufen, gleiche Diskussion. Es kommt noch im Laden zu einem Gespraech mit dem Herren. Er geht raus und quatscht mit dem Rest meiner Gang, die draussen bei den Fahrraedern stehen. Waehrend dessen erzaehl ich dem Verkaeufer wie befremdlich die ganzen Alkohleinschraenkungen uns Deutschen vorkommen, vor allem weil an jeder Ecke in Chicago fuer Alk geworben wird. Er erzaehlt mir darauf seine traurige Geschichte mit schwerer Krankheit, deshalb Arbeitslosigkeit und von einem Bekannten, den er bei seinem alten Job kennenlernte und der ihm versprach:"Eines Tages werd ich ein Seven11 aufmachen, und dann hast du wieder arbeit!" Nach zwei Jahren harter Arbeitslosigkeit bekam der offene Mann auf der anderen Seite der Theke einen Anruf:"Willst du noch den Job im Seven11?" Was fuer eine wunderbare Geschichte, oder? Ihr haettet ihn hoeren muessen, wie dankbar und mit was fuer Emotionen er diese Geschichte erzaehlte. Bevor wir uns verabschieden hat er noch einen dringende Bitte:"Sprecht nicht mit dem anderen Typen, der auch Bier kaufen wollte. Der ist gefaehrlich! Geht nicht in die Richtung in die er gegangen ist!" Dabei hatte sich der Rest meiner Gruppe in der Zwischenzeit bestens mit dem Mann unterhalten und er verabschiedete sich mit den besten Glueckwuenschen...

So, genug der Maerchenstunde. Bilder gibts gerade nicht, weil ich kein Rechner hab um sie von der Kamera ins Netz zu schieben. Bis bald

Anselm


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