KOMPLEXE

Als ich im Spiegel laß, dass die Gebühren für das Falschparken erhöht werden sollen, mit der Ausnahme des Parkens auf dem sogennanten Fahrradschutzstreifens (der Radweg, der auf die Straße gemalt ist) habe ich ohne die Aussagen zu überprüfen meinem Wut auf eine für mich nicht unbedingt typische Weise Luft gemacht und auf unserer Facebookseite einen von vor allem Emotionen gesteuerten kurzen Text veröffentlicht. Viel Zustimmung gab es dazu. Und zum Glück auch die Erinnerung an Sachlichkeit vom BikeBlogBerlin. Unabhängig von dieser Diskussion und der ausstehenden Bestätigung der Spiegelmeldung will ich hier einen ganz persönlichen Text veröffentlichen, den ich schon lange mal los werden wollte.

Ich habe Minderwertigkeitskomplexe als Radfahrer in diesem Land. Meine geringe Aufmerksamkeitsspanne und meine aufgestaute Wut über an meiner Realitaet vorbei gestalteter Politik hindern mich häufig daran genug Wissen anzueignen um eine unterrichtete Entscheidung oder Meinung zu bilden. Ich nutzte meine unmittelbare Wahrnehmung und Erfahrung um meine Meinung zu bilden und Aussagen zu treffen.

Der Albtraum eines jeden Fernradfahrers.


Was ich wahrnehme ist, dass Geld zum Ausbau der Fahrradinfrastuktur in diesem Land immer weiter  drastisch verringert wird, während in Berlin eine Autobahn in die Stadt hineingebaut wird, während es Beweise gibt, dass der Bau neuer Straßen und der Ausbau für noch mehr Autos nur zu einem führt, nämlich mehr Autos ("Wer Straßen sät, wird Verkehr/Staus ernten"). Dazu kommt, dass ich täglich auf Berlins Straßen unterwegs bin und mich häufig diebisch freue, wie dumme Menschen (Achtung Emotionen!) Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr, wieder ihre tonnenschweren, überdimensionierten, staatlich subventionierten, dreckigen Maschinen begnügen um sie durch verstopfe Straßen zu stop and go'en. Meine Schadenfreude ist ein sehr schwacher Trost, wenn ich wieder einmal Zeuge eines Beinaheunfalls beim achtlosen Rechtsabbiegen werde oder einer dieser Menschen plötzlich vollkommen unnötigen ihr akustisches Warnsignal benutzten. Sei es, weil sie der Meinung sind, dass der Typ, der die Maschine vor ihnen operiert, nicht schnell genug auf die grüne Ampel reagiert oder sie ihrem Nebenan mitteilen wollen, dass das zuletzt ausgeführte Manöver ihrer Meinung nach nicht regelkonform war oder sie vielleicht  in ihrem eigenen "Recht" beschnitten hat. Was ich damit sagen will, es muß sich nichtmal an den akustisch ungeschützen Radfahrer (oder Fußgänger) richten, der dann wieder einmal Opfer eines Stressors geworden ist, der viel zu häufig auftritt und inflationär als Kommunikationsmittel missbraucht wird, während die Hupe doch zum anzeigen einer Gefahrensituation vorgesehen ist (oder lieg ich da falsch?).

Dazu kommt, dass auch nach über 10 Jahren deutsche Schnellzügen (ICE) der vom Bund subventionierten Deutschen Bahn immer noch keine Fahrräder mitgenommen werden können.

Herr Ramsauer. Jo, der Typ ist verdammt falsch.


Eine weitere Quelle meiner Wut ist, dass in Berlin jährlich Radfahrer sterben (vor allem an Rechtsabbiegern) während der ADFC zusammen mit der Springerhetze, dem Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (Herr Ramsauer) eine "Toleranzkampagne" startete. Ich bin für Toleranz. Jedes Mal, wenn ich wegen einer Hupe direkt neben mir zusammenzucke, versuche ich mir zu sagen "Der/die weiß wahrscheinlich gar nicht, was das mit mir macht" oder "die nehmen die Welt bestimmt ganz anders wahr, und haben gerade eine Gefahrensituation gesehen" und wenn innerhalb eines Tages der zehnte viel zu eng an mir vorbeirauscht, um dann 10 Sekunden länger an der roten Ampel zu stehen versuche ich wieder einfach nur tief durchzuatmen und zu lächeln. Und ich sehe niemanden in der Öffentlichkeit, der in meiner Relität lebt oder versucht zu sie zu verbessern.Stattdessen wird Berlin von der Presse als Fahrradstadt ausgerufen... Entgegen meiner spontanen Reaktion auf die Bierdosen-Toleranzkampagne, aus dem ADFC auszutreten, fordere alle Radfahrer auf Mitglied im ADFC zu werden. Sicherlich ist nicht alles gut, was da passiert. Das ist wahrscheinlich bei einem so großen Verein kaum möglich. Aber egal wie man über die Arbeit des ADFC' denkt, finde ich es wichtig unserem stärksten Interessenvertreter, unseren besten Lobbyarbeitern, mehr Macht zu geben. Und das können wir durch bloße Mitgliedszahlen ganz einfach schaffen!

Die beste Antwort auf diese Zeilen ist wahrscheinlich: "Beweg deinen Arsch, organisier" dich, geh in die Politik, starte was." Meine Antort: "Nein danke! Soll doch die Spitzenpolitik sich weiter von der Autolobby beherschen lassen. Ich versuche so vielen wie möglich meine Realität und Verbündete finden, denen es ähnlich geht, in der Hoffnung, dass wir irgendwann die Mehrheit sind."

Dieser Text ist ein Produkt meiner persönlichen Gedanken und Gefühle. Die stehen nicht zwangsläufig stellvertretend für alle Fahrtwindorganisatoren.

Schöne Grüße und bis später auf den Straßen unserer wunderbaren Stadt. Anselm 

Vollgepartker Fahrradschutzstreifen. Jeden Tag in Berlin ist das ein bevorzugter Parkbereich.
 

Kommentare:

  1. Mitglied im ADFC zu werden, ist sicherlich sinnvoll. Wichtig ist es aber auf jeden Fall, aus dem ADAC auszutreten. Ich kenne viele, die sind da Mitglied: Wegen dem Werkstatt-Service - und vergessen, dass damit die schlimmste Autolobby gefördert wird. Es gibt Alternativen: Den ökologischen VCD (Verkehrsclub Deutschland) oder eine einfache Versicherung.

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  2. Ja, das ist ein guter Punkt! Bietet der VCD vergleichbaren Werkstättenservice? Und/oder kannst Du zufällig eine Versicherung für Autofahrer ohne ADAC-Mitgliedschaft empfehlen?

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    1. Der ACE versichert Verkehrsteilnehmer, auch solche mit Autos und guten Service finde ich.

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  3. ich kenn dich zwar nicht, aber das find ich gut.

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  4. Schön zu lesen! Köln ist zwar vergleichsweise klein, aber mit einer ähnlichen Problematik gestraft, glaube aber auch, dass eine Stärkung der Lobby sinnvoll wäre.
    Grüße aus dem wilden Kölle

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  5. Mensch, ganz schön hoffnungslos. Nur nicht den Mut verlieren!
    Keep on riding!

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  6. Hey Anselm!

    Du bringst es genau auf den Punkt, was mich ebenfalls jeden Tag beschäftigt, ich es aber in mich hineinfresse. Diese angestauten Aggressionen lasse ich dann auf freier Strecke durch einen Sprint raus. Danach kann ich wieder lächelnd und entspannt am Verkehr teilnehmen. Zudem kommt, dass ich jedes mal einen freien Daumen habe, den ich Autofahrern zeige, welche an mir vorbei brettern und ich sie an der nächsten Ampel eh wieder eingeholt habe. Wenn dann das Fenster runter geht, frage ich sie dann freundlich und lächelnd, wie viel Geld Sie gerade verblasen haben. Ich kann jeden Tag ein reines gewissen haben, dass ich ein kleiner Teil bin, der gegen die Umweltbelastung ankämpft und etwas für sich und die Zukunft meines Kindes tut.

    Schöne Worte haste gefunden!!!

    Gruß Sascha

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  7. Ich bin genau aus dem Grund aus dem Adac ausgetreten. Ein hetzerischer Artikel über Radfahrer zu viel. Die haben vergessen, dass es auch Autofahrer gibt die Radfahren. Pannendienst bietet inzwischen jede Versicherung (ich bin bei Allianz, da ist das inklusive. Ebenso Rechtschutz vom Adac dorthin gewechselt. Radfahren inklusive, braucht man ja vielleicht mal.) Ich fahre übrigens genau aus diesen Gründen nicht Rad in der Stadt. Das ist mir zu viel Stress. So verpeste ich halt die Umwelt zusätzlich, wenn ich mein Bike mit dem Auto zum Wald fahr..

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  8. Bei dem Bild bekomme ich echt Gewaltfantasien.
    Es ist dann immer nur die Sorge um meine eigene Sicherheit die mich die aggro wieder runterfahren lässt.

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  9. Respekt für die Aufstellung deiner letzten Aufreger! Leider sind das nur ein Teil der Probleme, die immer und immer wieder auf Radfahrer einströmen. Hier in Hamburg stehen momentan vorzugsweise Verkehrszeichen gerade in Baustellen brandgefährlich, und in Köln sieht die Situation auch ohne Baustellen ganz ähnlich aus. Fahrradwege werden mit Streugut-Haufen und Mülltonnen vollgestellt und Autofahrer greifen eher zur Hupe als zur Bremse. Fahrradwege enden am Baum, Schlaglöcher sind so tief, dass Kinder sich darin verstecken können. In Berlin sieht es ja wahrscheinlich nicht anders aus. Und daher ist es auch so wichtig, dass wir immer und immer wieder darüber schreiben, um immer mehr Leute darauf aufmerksam zu machen. Weiter so!

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  10. sehr sehr guter text, du schreibst mir aus der seele. weiter so

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